Interview: HypnoBirthing ist ein Weg

Simone Vogel / 24.09.2022

Dies ist ein Reprint eines Interviews zwischen Simone Vogel (ehemals Happy Birthday Deutschland e.V) und Bianca Maria Heinkel über das Thema HypnoBirthing 2.0 und seine Anpassung an den europäischen Kultturraum. Das Interview wurde schon im Jahr 2018 geführt, ist aber thematisch immer noch sehr aktuell, deshalb der Wiederabdruck im neuen Blog des Institutes.

Happy Birthiday e.V.

Simone Vogel (Happy Birthday e.V): Wer die HypnoBirthing-Methode hierzulande kennt, dem ist das Buch von Marie M. Mongan ein Begriff. Ihr habt nun ein neues Buch zum Thema geschrieben. Worin liegt der Unterschied?

Bianca Maria Heinkel: Eine Motivation für uns war, das Konzept zu aktualisieren und es an unseren Kulturkreis anzupassen. Wir sind jeden Aspekt des HypnoBirthing-Konzeptes sehr kritisch angegangen, haben uns intensiv mit Eltern, Hebammen, Kursleiterinnen und GeburtshelferInnen ausgetauscht und uns mit deren Bedürfnissen und Kritikpunkten auseinandergesetzt.

Ein großes Anliegen war uns, mit dem Vorwurf des “Esoterischen” und dem Irrglauben aufzuräumen, mit dem viele Frauen an das Thema herangehen. Nämlich, sie könnten sich durch HypnoBirthing und die darin angebotenen Trancen “wegbeamen” und dadurch käme das Kind, sanft und leicht und schmerzfrei – quasi von alleine – auf die Welt. Und, es gäbe die richtige HypnoBirthing-Geburt. Aber Hypnobirthing ist ein Weg, nicht das Ziel. Daraus haben sich einige Veränderungen und Ergänzungen ergeben, die sich nicht nur im Buch zeigen, sondern auch zu einem neuen Elternkurs geführt haben.

Simone: Was für Veränderungen sind das ganz konkret, auf die die werdende Mama sich freuen kann?

Bianca: Wir haben das Achtsamkeitskonzept eingeführt. Denn Achtsamkeit ist die Grundlage für Körperbewusstsein und Gelassenheit im Umgang mit dem, was einem begegnet. Es führt zu einem stärkeren Fokus auf der Körperebene, denn sonst – auch durch die viele mentale Arbeit mit Trancen und Visualisierung – bleiben die Frauen häufig zu sehr auf der Kopfebene. Wir haben viele konkrete Körperübungen mit hinein genommen u.a. die Anwendung des südamerikanischen Rebozo-Tuches.

Die Väter werden direkter angesprochen mit einem eigenen Kapitel. Sie können sich mit Fragen, die nur sie betreffen, auf die Geburt vorbereiten, erfahren, wie wichtig ihre Selbstfürsorge ist und bekommen konkrete Hilfsmittel an die Hand, wenn während der Geburt (scheinbar) gar nichts mehr geht. Und vieles mehr.

Außerdem sprechen wir über das Schmerzhemmsystem und die Möglichkeiten, aktiv mit Schmerzen umgehen, sie sind nicht tabuisiert. Das gleiche gilt für Ängste, auch hierzu bieten wir praktische Übungen zum Umgang damit an.

Wir haben eine stärkere Fokussierung auf die Einbindung der Hebammen, die ja die eigentliche Ansprechpartnerinnen für die Begleitung während der Geburt sind, sowie auf einer kooperative Haltung zum geburtsmedizinischen Personal.

Simone: Was bzw. wen möchtet Ihr mit Eurem Buch, mit Eurer Arbeit erreichen?

Bianca: Unser Wunsch ist, dass jede Frau ihr Kind so auf die Welt bringen kann, wie es ihr entspricht, dass sie die Freude einer sicheren und ungestörten und natürlichen Geburt für sich und ihr Kind erfahren kann. Wir wollen in den Frauen die Überzeugung und das Vertrauen in eine natürliche, entspannte Geburt stärken und sie an ihr ureigenstes weibliches Potential erinnern: Ihre natürlichen Geburtsinstinkte, ihren GebärCode. Die großen Kraft in jeder Frau.

Ebenso wünschen wir uns, damit zu einem Paradigmenwechsel im Geburtsfeld beizutragen. Und wir möchten Gleichgesinnte und Gleichtuende zu einem offenen, wertschätzenden Austausch und einer Vernetzung einladen, für ein konstruktives Mitdenken im Sinne von Wachstum und Weiterentwicklung im Dienste der Kinder, ihrer Mütter und Väter.

Daher freuen wir uns sehr, dass wir für unsere Arbeit die Unterstützung von Prof. Dr. Sven Hildebrandt ( Dresden) und Oberärztin Dr. Bärbel Basters-Hoffmann (Lörrach) haben gewinnen können, die auch Vorwort und Kommentar im Buch verfasst haben.

Ganz wunderbar ist, dass wir bereits schon jetzt – erst ca. zehn Wochen nach Erscheinen des Buches – viele begeisterte Rückmeldungen haben. Auch und besonders von Hebammen, die anrufen, um die eine oder andere Frage zu klären, uns beglückwünschen, weil sie es gelungen finden und sie es weiterempfehlen wollen. Das freut mich noch mehr, dadurch weiß ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Simone: Die meisten Erstgebärenden stehen ja noch voll im Berufsleben und finden eher wenig Zeit die beschriebenen Übungen in ihren Alltag zu integrieren. Wie realistisch findest du es, dass es gelingt, sich nur mit Hilfe des Buches auf die Geburt vorzubereiten?

Bianca: Das lässt sich nicht allgemein beantworten und hängt sehr von der individuellen Situation, den Lebensumständen, der psychischen wie körperlichen Verfassung der Leserin ab, also ihrer Ausgangssituation. Sicher geht es, denn wir wissen, dass es bereits sehr viele Frauen gibt, die sich eigenständig, nur durch Lesen, Hören der Trancen und Üben vorbereitet und eine gute Geburtserfahrung mit HypnoBirthing gemacht haben. Erst kürzlich haben wir von einer begeisterten Leserin bzw. jungen Erstgebärenden (stellvertretende Geschäftsführerin eines Unternehmens) eine solche Rückmeldung bekommen.

Bereits die Lektüre des Buches und die mentale Beschäftigung mit seinen Inhalten verändert etwas im Denken, was wiederum Auswirkungen im Empfinden und der Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Geburt hat. Und je intensiver die Beschäftigung mit dem Thema oder der Übung ist, desto nachhaltiger ist die Wirkung.

Simone: Also kann aus deiner Sicht eine selbständige Vorbereitung auf die Geburt mit Hilfe des Buches gelingen?

Bianca: Jeder (Veränderungs-)Prozess beginnt mit einer Absicht und das Lesen dieses Buches – um eine gute Vorbereitung für die Geburt zu finden – kann bereits diese Absicht sein. Als nächstes kann die Leserin sich – angepasst an ihre Möglichkeiten und Lebensumstände – das eine oder andere Element herausnehmen und damit eine Gewohnheit entwickeln, die sich förderlich auf ihre Schwangerschaft und Geburt auswirken wird. Dieser Prozess ist sogar noch wirkungsvoller, wenn ihr Vorsatz dem Wohlbefinden des Kindes gilt, da Emotionen, z.B. Liebe zum Kind, eine starke Kraft sind. Wer sich also wenigstens auf einige Elemente aus dem Buch einlassen kann – auf diese aber richtig bzw. ganz – und wer für sich und sein Baby ein Commitment eingeht und diese Elemente dann tatsächlich regelmäßig übt, nimmt unweigerlich Einfluss auf die Geburt und ihren Verlauf. Man arbeitet auf neue Verhaltensweisen hin, die den Umgang mit und die Gefühle zur Geburt verändern.

Simone: Bleibt die (Alltags-)Realität berufstätiger Erstgebärende oder eben die von Müttern, die schon größere Kinder zu versorgen haben. Woher die Zeit nehmen?

Bianca: Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich. Um Urlaube, Geburtstage, sonstige Feiern zu planen, das “richtige” Auto oder den “richtigen” Kinderwagen etc. zu finden, fern zu sehen, sich mit dem Smartphone zu beschäftigen. Viele kleine Zeitinseln. Zähle mal zusammen, wie oft du auf dein Smartphone schaust. Das sind alles *die *kleinen Momente um eine Atmung zu machen, einen positivem Gedanken zu pflegen, alle die kleinen Übungen anzuwenden, von denen im Buch die Rede ist. Ein Leitsatz aus dem Buch ist: “Kurze Momente, oft wiederholt”. Also, wenn es darum geht, sich fürsorglich auf ein Ereignis vorzubereiten, das einmalig und lebensprägend für Mutter und Kind ist: Dafür ist keine Zeit?

Simone: All die verschiedenen Übungen und Möglichkeiten der Auseinandersetzung können leicht zu einem Gefühl der Überforderung führen. Es entsteht vielleicht Druck, aus dem eigenen Wunsch heraus auf die Geburt perfekt vorbereitet zu sein. Welche Tipps hast du, um dem Gefühl der Überforderung zu begegnen?

Es gibt nicht die* perfekte Vorbereitung für eine perfekte* **Geburt, es wäre hier wichtig, den eigenen Leistungsanspruch zu erkennen. Dieser ist eine der größten Fallen in diesem Zusammenhang und der Glaube, frau könne durch Leistung die Geburt kontrollieren. Doch Geburt ist ein umfassender, einzigartiger, körperlicher und seelischer Prozess, der das Gegenteil, nämlich Loslassen und Hingabe erfordert.

Überforderung (zu viele Forderungen) ist ein Gefühl, ein emotionaler Zustand, der körperliche Auswirkungen hat und sollte als Warnsignal verstanden werden. Es fordert zum Sein-Lassen auf – sich sein lassen und die Dinge sein lassen! Und sich dem Geburtsprozess hinzugeben – mit allem was sich zeigt.

Wer sich überfordert ist meist sehr engagiert, ist mit Vielem gleichzeitig beschäftigt. Will alles gut und richtig machen, ist eher sehr (selbst-)kritisch, hat einen hohen Anspruch an sich und andere. Die Schnelligkeit des Alltags, Dauererreichbarkeit, sofortiges Reagieren, die ständige Präsenz digitaler Medien kommen hinzu. Das hat seinen Preis, der innere Druck steigt, man fühlt sich erschöpft, gestresst oder wird krank. Jemand, der alle Fünfe gerade sein lassen kann, der Dinge auch mal liegen lassen kann, dem kann das eher nicht passieren, weil sein System entspannt ist.

Simone: Das ist leichter gesagt, als getan!

Bianca: Das Thema ist Selbstfürsorge. Es geht darum, wieder das richtige Maß für die Dinge, die man tut, zu finden. Und um das persönlich richtige Maß wieder finden zu können, ist es schon lange mehrfach belegt, dass z. B. Achtsamkeits-Training, d.h. die Handshake-Praxis, sehr wirkungsvoll ist. Selbstfürsorge heißt auch, “Nein” sagen zu lernen, Pausen zu machen, auf die Körperbedürfnisse zu achten, bevor der Körper schlapp macht! Man kann sich die Frage stellen: “Welche Auswirkungen hat es (für mich, meinen Körper, für mein Baby, meine Familie), wenn ich so weiter mache wie bisher? Wofür würde es sich lohnen, die Energie aufzubringen um …. zu verändern?”

Simone: Als Fan der klaren Worte haben mich insbesondere die Passagen erfreut, in denen ihr beschreibt, was HypnoBirthing nicht ist. Auch die ermutigenden Worte zu Hausgeburt oder realistische Informationen zum Umgang mit dem Klinikpersonal fand ich hilfreich. Was ist aus deiner Sicht der Schlüssel zu einer selbstbestimmten Geburt, egal an welchem Geburtsort?

Bianca: Selbstbestimmte Geburt heißt: Ich bestimme meine Geburt selbst! Ich bin/habe die (Körper) Kompetenz. Ich fühle mich eigen-mächtig, handlungsfähig, lasse mich in meiner Entscheidungsfreiheit – und die habe ich – nicht einschränken. Ich suche mir aktiv die medizinischen BegleiterInnen, die mich und meine Wünsche respektieren und unterstützen und den für mich stimmigen Geburtsort.

Wenn ich glaube, das nicht zu können, mich so nicht fühle, mich nicht traue, unsicher bin, sollte ich hinschauen: Was brauche ich, damit ich selber bestimmen kann? Wo kann ich Rückendeckung, Bestärkung finden für den Weg, den ich für die Geburt meines Kindes für richtig halte und den ich gehen will? Wer oder was hilft mir, mich kraftvoll zu fühlen?

Wichtig ist vielleicht auch, sich in diesem Zusammenhang klar zu machen: Selbstbestimmt heißt nicht allein. Unterstützung kann z. B. bei meiner Hebamme, einer guten Freundin, Mutter oder anderer Vertrauensperson oder möglicherweise bei einer Therapeutin zu finden sein.

Simone: Wenn ich einen Kurs besuchen möchte, worauf sollte ich bei der Auswahl des Kursangebotes achten?

Bianca: Es ist wie mit der Auswahl der Hebamme, der GeburtshelferIn, des Geburtsortes. Schau was DU willst. Jede Kursleiterin hat mittlerweile eine Website. Wenn nicht, dann wird sie mündlich weitergegeben, was an sich ja schon eine Empfehlung ist. Schau, ob du dort das findest, was für dich stimmig ist, dich anspricht. Kontaktiere die Kursleiterin deiner Wahl per Email oder Telefon und kläre evtl. deine Fragen.

Und dann vertraue auf dein Bauchgefühl. Du wirst für die Situation, die zu diesem Zeitpunkt richtige Entscheidung treffen.

Liebe Bianca, ich danke dir für dieses Interview und wünsche Dir und deiner Kollegin weiterhin viel Erfolg mit eurem Buch und viel Freude an eurer Arbeit.

Bianca Heinkel ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat zahlreiche Aus- und Weiterbildungen im Bereich Körperpsychotherapie, Familienaufstellung und Hypnose. Mit ihrem Mann gründete sie 2013 das HypnoBirthing Institut Deutschland in Gaggenau. Im HypnoBirthing sieht sie einen Weg, Frauen darin zu unterstützen, sich wieder den Respekt und die Achtung zurückzuholen, die ihnen gebührt. Sie wünscht sich einen offenen und wertschätzenden Austausch aller, die an einer Geburtskultur mitarbeiten wollen, die Frauen achtet und stärkt.


[Update: Der Verein Happy-Birthday e.V. existiert leider nicht mehr, wir haben deshalb die Links auf die nicht mehr existierende Website des Vereines entfernt.]